Donnerstag, 12.12.2019 01:10 Uhr

Umfrage: Hierarchie grösserer Störfaktor als Rufschaden

Verantwortlicher Autor: Jochen Raffelberg Köln, 19.07.2019, 16:51 Uhr
Nachricht/Bericht: +++ Mixed News +++ Bericht 6052x gelesen

Köln [ENA] Das Vertrauen in ihre Kirche sei unter den haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitern des Erzbistums Köln “insgesamt hoch”, verlautbarte die Diözesankurie über das Ergebnis einer Online-Umfrage zur Entwicklung der katholischen Kirche im Erzbistum. Der Enquete zufolge sind jedoch Hierarchie und Führungsstil “vorrangige Störfaktoren”, nicht aber der Missbrauchsskandal und der Umgang der Kirche damit.

Während die Befragten den Status quo ihrer Kirche im Erzbistum vorwiegend mit Begriffen beschrieben, die viele als negative einstufen würden, also konservativ, unbeweglich, frauenfeindlich, autoritär, verstaubt, realitätsfern, weltfremd, männerdominiert und frauen ausgrenzend, empfahlen sie dem Erzbistum als Zukunftsorientierung etwa offen zu sein, innovativ, transparent, mutig, modern, ehrlich, frauenfreundlich, lebensnah, begeisternd, weltoffen, zeitgemäss, auf Augenhöhe, jünger oder geschwisterlich.

An der Umfrage nahmen laut einer Pressemitteilung des Erzbistums knapp über 7.000 Personen teil. Die im April und Juni durchgeführte sechswöchige Umfrage ist Teil des von Kardinal Rainer Maria Woelki angestossenen Pastoralen Zukunftswegs, mit dessen Hilfe eine gemeinsame Vision für das Erzbistum Köln im Jahr 2030 entwickelt werden soll. Sogenannte Arbeitsfelder der Prozesses, der 2020 abgeschlossen werden soll, beinhalten Themen wie Geistlicher Kulturwandel, Kirche vor Ort, Kommunikation und Dialog sowie Ausbildung. Anders als beim Synodalen Weg der Deutschen Bischofskonferenz werden dagegen Begriffe wie Zölibat, Machtabbau, Sexualmoral oder Rolle der Frau offiziell nicht ausdrücklich genannt.

Noch im März hatten Seelsorger in einem Brief an Kardinal Woelki beklagt, dass der Skandal sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen durch Geistliche „vielen Menschen unsäglichen Schaden zugefügt“ und das Vertrauen in die Kirche aufs Schwerste erschüttert habe. Der Brief spricht nach Aussagen der Reformbewegung Wir sind Kirche auch von der Enttäuschung nicht weniger Christen und Seelsorger über den „Rückschritt“ ihrer Kirche in den vergangenen Jahrzehnten. Pastoralreferenten klagten darüber, dass die Bistumsleitung ihre Qualifikationen und Fähigkeiten nicht nutze oder nicht nutzen wolle. Kritik übten die Seelsorger überdies an mangelnder Beweglichkeit der Bischöfe.

Alle “wohlklingenden Ankündigungen” wie pastorale Entwicklungsprojekte hätten keine Trendumkehr bewirkt. Auch der jetzt versprochene synodale Weg müsse erst beweisen, dass grundlegende Reformen von Theologie und Pastoral möglich seien, erklärte Wir sind Kirche und beklagte den am Freitag gemeldeten massiven Anstieg der Kirchenaustritte für 2018 als “erschütternd”. Statt gewachsene Strukturen zu zerstören, sollten die Bistumsleitungen die konkrete Pastoral vor Ort nach den Bedürfnissen unterstützen. Es brauche einen Systemwechsel: “Weg von dem von den Bischöfen kontrollierten Versorgungsprinzip zur wirklichen Teilhabe der Getauften und Gefirmten an der Gestaltung ihres Gemeindelebens,” forderten die Kirchenkritiker.

Laut Kölner Kurie zeigen die Befragungsergebnisse einerseits Aspekte auf, die von den Teilnehmenden als positiv wahrgenommen würden. Dazu zähle zum Beispiel, dass die Kommunikation in der Zusammenarbeit sowohl von Ehren- als auch von Hauptamtlichen weit überwiegend als freundlich und wertschätzend, aber durchaus auch als funktional und effizient bewertet werde. Andererseits zeichneten sich sowohl identifizierte als auch unbekannte Herausforderungen ab. So fühle sich beispielsweise nur die Hälfte der Ehrenamtlichen gut über Weiterbildungsmöglichkeiten informiert bzw. halte das Angebot für umfassend genug. Die Erhebung sei eine von verschiedenen Maßnahmen gewesen, um sich mit einer großen Zahl von Menschen auszutauschen, erklärte die Kurie.

Die Befragten nannten Führungsstruktur und -stil im Erzbistum als vorrangige Störfaktoren ihrer Arbeit. Weit weniger wichtig erschien vor allem den hauptberuflichen Mitarbeitern das durch den Missbrauchsskandal beschädigte Kirchenimage und der Umgang damit. Desweiteren zeigt die Studie, dass Liturgie und Sakramente für Jüngere geringere Bedeutung haben als Bildungsangebote; an die Stelle der Seelsorge rückt bei ihnen die Freizeitgestaltung. Auch erweise sich, dass die Qualität von Liturgie und Sakramenten von einem Viertel aller Befragten als eher schlecht bzw. sehr schlecht wahrgenommen werde. Als Sozialträgerin, also im caritativen Bereich, werde die Kirche dagegen positiv beurteilt.

Für die Umfrage wurde 7.092 Fragebogen ausgefüllt (59 Prozent Ehrenamtliche, acht Prozent Pastorale Dienste und 33 Prozent weitere Hauptberufliche). Ihre Rückmeldungen würden “in die Überlegungen zu einer Zielskizze” für das Erzbistum 2030 einfließen. Kardinal Woelki hatte als Grund für die Neuaufstellung der künftigen Pastoral den prognostizierten Rückgang der Zahl der Gläubigen, die abnehmende Bindung an die Kirche, die Halbierung der in der Seelsorge hauptberuflich Tätigen und sinkende finanzielle Möglichkeiten genannt. Das Erzbistum hat für seinen Zukunftsweg die Boston Consulting Group (BCG) in Prozesssteuerung und Methodenwissen hinzugezogen. Bis 2020 sollen die ersten Ergebnisse der Aktuellen Etappe veröffentlicht werden.

Für den Artikel ist der Verfasser verantwortlich, dem auch das Urheberrecht obliegt. Redaktionelle Inhalte von European-News-Agency können auf anderen Webseiten zitiert werden, wenn das Zitat maximal 5% des Gesamt-Textes ausmacht, als solches gekennzeichnet ist und die Quelle benannt (verlinkt) wird.
Zurück zur Übersicht
Info.